Interview mit Mag. Andreas Reiter – Zukunftsforscher

Die Grenzen der digitalen Welt lösen sich auf. Wie stellen wir uns künftig auf die Generation der Millennials ein? Welche Werte verkörpern die „neuen Jungen“?

Kurzbiografie

Geb. in Innsbruck, Studium Übersetzer und Soziologie. Gründete 2016 das ZTB Zukunftsbüro in Wien, das seither Unternehmen, Destinationen und den öffentlichen Sektor bei strategischen Zukunftsfragen, Positionierung und Innovation berät.

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Für die Millennials geht es vor allem darum, ihre Arbeit mit „Bedeutung“ aufzuladen – persönliche Weiterentwicklung ist für drei Viertel von ihnen wichtig. Weiche Faktoren (Unternehmenskultur, individuelle Arbeitszeitgestaltung, Incentives etc.) sind den meisten Jungen wichtiger als harte (gute und faire Entlohnung vorausgesetzt).

seminargo (Ferner): Sie schreiben in Ihrem Blog über Klaus Schwab (Gründer des Weltwirschaftsforums in Davos), der erkannte “Die Welt bewegt sich vom Kapitalismus zum Talentismus”. Wie darf sich die Tourismusbranche darauf einstellen?

Mag. Andreas Reiter: Indem sie die individuellen Ressourcen und Stärken der Mitarbeiter nutzt – nicht jeder passt zu jedem Betrieb und auch dort nicht überallhin. Wertschöpfung kommt von Wertschätzung. Die Talente von morgen sind zudem digitale Sozialisten – sie teilen alles über ihre sozialen Netze: Empfindungen, Erlebnisse, Bewertungen. Sie erwarten sich auch von ihren Vorgesetzten zeitnahes, direktes Feedback über ihre Leistungen. Loyal sind sie nur jenen Unternehmen gegenüber, die ihnen Weiterentwicklung ermöglichen und die ihre Leistung wertschätzen.

Es wird in der heutigen Zeit immer schwieriger Mitarbeiter über längere Zeit zu beschäftigen, weil die “neue Junge” Generation auf der Suche nach Selbstverwirklichung der sozialen Resonanz mehr Beachtung schenkt als die Generation X. Welche Angebote muss ein Unternehmen in Zukunft aufweisen, um genau diese Generation zu beschäftigen?

Neben der leistungsgerechten Entlohnung sind dies vor allem weiche Faktoren wie individualisierte Arbeitsmodelle, Eigenverantwortung, flache Hierarchien (kollaborative Führung), individuell auf den Einzelnen zugeschnittene Weiterbildung sowie ein individueller Karrierepfad. Besonders wichtig erscheint mir die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie, da müssen wir viel stärker individuelle, lebenszyklische Modelle finden (eine 30-Jährige, die eben Mutter geworden ist, hat andere Schwerpunkte als eine 50-Jährige, deren Kinder außer Haus sind).

Touristische Unternehmen mit ihren Präsenzjobs müssen attraktive Freizeit- und Qualifizierungsangebote für ihre jungen Mitarbeiter entwickeln. Diese Angebote sollten in Zukunft von der Destination, also dem Standort, für alle Partnerbetriebe entwickelt werden – um so die Zukunft der Region abzusichern. Gerade für die vielen kleineren familiengeführten Betriebe ein wichtiger Faktor – die großen Resorts und Hotels schaffen dies auch alleine.

Die Digitalisierung ist mehr als präsent in der heutigen Zeit, sehen Sie einen ernstzunehmenden Trend der sich auf das Thema “back-to-the-roots” bezieht?

Natürlich produziert jeder Trend einen Gegentrend, so auch hier. Wir leben aber nicht mehr in einer Zeit des Entweder-Oder, sondern des Sowohl-als-Auch. Es geht also vielmehr darum, scheinbare Gegensätze zu verbinden, also On- und Offline-Welt zu verschränken, Digitales und Analoges, aber ebenso Arbeit und Freizeit. Nicht Work-Life-Balance ist das Credo, sondern ein Blending, ein individuelles Überlappen – also die Arbeit in die Freizeit zu integrieren und die Freizeit in die Arbeit. Moderne Unternehmenskulturen (vor allem im IT-Sektor) tun dies schon.

Wann sehen Sie die Notwendigkeit der Umstrukturierung in einem Betrieb, der seine Ressourcen bestmöglich ausgeschöpft hat?

Unternehmen sollten immer in die Zukunft schauen und künftige Entwicklungen auf ihren Radarschirm holen. Gerade dann, wenn es ihnen gut geht – denn nichts ist so trügerisch wie der Erfolg von gestern. Denn „da draußen“ geht ein rasanter Wandel vor sich, der ja mehr ein Umbruch ist – disruptive Technologien, neue Vertriebs- und Kommunikationskanäle, neue Wettbewerber und neue Freizeit-Vorlieben der Gäste usw… Ständiges Adaptieren ist da eine Grundvoraussetzung für den Markterfolg.


Mag. Andreas Reiter – Zukunftsforscher


Darauf achte ich besonders in einem Hotel…
Qualität der Matratzen, Qualität der Handtücher, Brotkultur beim Frühstück


Mein persönlicher Ausgleich…
Reisen, Reisen, Reisen

Staccato Mag. Andreas Reiter

Lebensmotto…

„Ziele nach dem Mond. Selbst wenn du ihn verfehlst, wirst du zwischen den Sternen landen.“ (Friedrich Nietzsche)
 

Urlaub im In- oder Ausland…
Ausland für langen Urlaub, Inland für Wochenendtrips


Mein liebstes Urlaubsziel…
Asien (Japan, Vietnam etc.) und Skandinavien (Norwegen, Island)


Schwach werde ich bei…
einem Infinity-Pool